Verweigert den Dienst an der Waffe - Helmar Scholz (18)

• WIRsein „Sehr geehrter Herr Simm, ich bitte Sie, sich im Kreiswehrersatzamt Neuruppin zu Ihrer Musterung vorzustellen.“ Ich schlucke: Die Bundeswehr zieht mich ein. Mich, mit 1,63 Meter Größe und einem Gewicht von knapp 50 Kilogramm. Ich soll kilometerlange Märsche mit Gepäck bewältigen? Durchs Unterholz kriechen? Nein, das lasse ich mit mir nicht machen. Ich werde den Dienst an der Waffe verweigern und ein Jahr Zivildienst beginnen. Schließlich denke ich liberal und pazifistisch.
Das Gesetz lässt diese Entscheidung zu. Die Möglichkeit zur Ablehnung des Kriegsdiensts ist im Grundgesetz seit 1949 verankert: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“, heißt es in Artikel 4. Laut der Statistik des Bundesamtes für Zivildienst verweigerten in den 60er Jahren durchschnittlich rund 6.000 Kriegsdienstfähige jährlich den Wehrdienst. 2006 ist die Anzahl auf 140.800 Personen pro Jahr angestiegen. Dennoch sind nicht alle Anträge bewilligt worden. So konnten 1961 lediglich 574 Jugendliche Zivildienst leisten, 2006 waren es immerhin 62.132 Personen. Und das bei einem Bevölkerungsanstieg von nur elf Prozent, wie es aus Statistiken der Bundeszentrale für politische Bildung hervorgeht.

35 Prozent lehnen den Dienst ab

„Oft sind es die Situation zu Hause wie die gewaltfreie Erziehung, weshalb Jugendliche den Kriegsdienst verweigern“, so Rüdiger Löhle, Pressesprecher des Bundesamts für den Zivildienst. Prognosen für die Entwicklung lassen sich nur schwer festlegen. „Bleibt das Verweigerungsverhalten wie heute bestehen, dann spielen die Geburtsstärken eine wichtige Rolle. Insgesamt gehen wir jedoch von einer Größenordnung um die 35% aus, die den Dienst ablehnen werden.“
Der 19-Jährige Ricardo Linke machte bei seiner Musterung im Juli 2007 vom Grundrecht Gebrauch. Nun plant er im Juli 2008 in einem Berliner Krankenhaus Zivildienst zu leisten. Richtig wohl fühlt sich der Oranienburger bei diesem Gedanken nicht. Der Abiturient empfindet es als ungerecht, dass gleichaltrige Auszubildende, die bereits auf eine vertragliche Bindung mit dem späteren Arbeitsgeber eingegangen sind, vom Wehrdienst zurückgestellt sind. Für Studenten gilt dies nur, wenn sie sich bereits im dritten Semester befinden. Da Ricardo unmittelbar nach dem Abitur Mathematik auf Lehramt studieren wollte, stellen die neun Monate für ihn demnach eine Barriere dar und verhindern einen sofortigen Studienbeginn.

Zivi im Seniorenheim

Neben der Gelegenheit des Dienstes im Krankenhaus, absolvieren Jugendliche den Zivildienst vor allem in Senioren- und Behinderteneinrichtungen. Der Schwerpunkt liegt demnach im sozialen Bereich. Dennoch zeigen sich auch andere Alternativen auf, wie das Freiwillige Ökologische Jahr als auch das Freiwillige Soziale Jahr.
Selbst im Ausland können Alternativsuchende ihren Dienst absolvieren. So will es auch der Schüler Helmar Scholz versuchen, indem er sich bei der Entwicklungs- und Katastrophenhilfe Adra bewirbt. Er verweigert den Kriegsdienst aus religiösen Ansichten. „Ich bin nicht bereit mich ausbilden zu lassen, um Menschen im Ernstfall zu töten“, sagt das Mitglied der freireligiösen Adventgemeinde Oranienburgs. „Unsere Religion, aber auch meine Vorstellung von Moral, erlauben das nicht.“
Nach meiner Musterung im September 2007 stellte sich heraus, dass ich an eine Kriegsdienstverweigerung nicht hätte denken müssen. Die ärztliche Untersuchung ergab, dass ich im vornherein nicht für den Dienst an der Waffe geeignet bin. Von der Bundeswehr wird mich gewiss kein Brief mehr erreichen.

Weiterführende Informationen gibt es im Internet unter www.zivildienst.de und www.bmfsfj.de.

[Erschienen in der MAZ, am 21. November 2007; Autor: Patrick Simm]



3 Responses to “Kriegsdienstverweigerer”  

  1. Jetzt wirst du niemals herausfinden, wie es ist, sich mit Zweigen zu tarnen. Hab ich mir erzählen lassen, dass man solche Dinge beim Bund macht. Ich mein, ich war ja nie da. Ich hab solche Probleme ja nicht…
    (Was ich übrigens ungerecht finde.)

    Ansonsten: Guter Text, finde ich.

  2. Finde ich nicht ungerecht. Sollte sowieso niemand müssen. Alles Quatsch.

  3. Na ja, sich selbst tarnt man nicht mit Zweigen, eher den Stahlhelm und so. Oder das „Gruppennest“.


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